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Teilnahme 2013

 

Das Team bei der Abreise.JPG

Das Team der Albert Ludwigs Universität im

International Criminal Court Trial Competition 2013

(v.l.n.r.:) Luisa Berner, Anna Gralla, Lukas Wernert, Malte Stedtnitz, Daniel Loy (Assistant Coach), Paul Peters, Björn Boerger (Coach)

 

 

Erfahrungsbericht
 
 
Die Auswahl des Teams
 
Der Aufruf am Ende des Sommersemesters klang vielversprechend. Ein Moot Court am International Criminal Court (ICC), dessen Endausscheidung in Den Haag ausgetragen wird.
 
Das Studium hatte uns zwar noch nichts über das Völkerstrafrecht beigebracht, und so wussten wir zu diesem Zeitpunkt nicht mehr, als was die meisten mit dem Begriff des Völkerstrafrechtes in Verbindung bringen können: ... dass mit diesem Instrument garantiert werden soll, dass die Kriegsverbrecher und Völkermörder der Welt zur Verantwortung gezogen werden ... dass die Idee eines Internationalen Strafgerichtshofes schon in Versailles und Nürnberg gefasst wurde ... und dass seine tatsächliche Errichtung im Jahr 2003 dann der Schlusspunkt einer diplomatischen und völkerrechtlichen Anstrengung war, die kaum einer vorher für möglich gehalten hatte.
 
So bewarben wir uns also nach der Infoveranstaltung im Audimax am Lehrstuhl Perron. Im Vorstellungsgespräch mussten wir juristisches Denken unter Beweis stellen und unsere Englischkenntnisse präsentieren. Nach der positiven Rückmeldung – „Wir hätten dich gerne im Team dabei!“ – kamen wir dann zu Beginn der Semesterferien zum ersten Mal in der Besetzung des neuen Teams zusammen. Wir, das sind: Anna Gralla, Paul Peters, Luisa Berner, Lukas Wernert und Malte Stedtnitz.
 
Schnell war ein erster Zeitplan erstellt, Lehrbücher wurden verteilt, Aufsätze gelesen. So arbeiteten wir uns über den Sommer hinweg ein in das unbekannte Gebiet und sein grundlegendes "Gesetz", das Rom-Statut. Anhand des letztjährigen Sachverhalts übten wir die Fallllösung; am Beispiel von Schriftsätzen der letzten Jahre lernten wir, wie man ebensolche aufbaut und verfasst.
 
 
Das Verfassen der Schriftsätze
 
Für den 5. November dann war die Veröffentlichung des diesjährigen Sachverhalts angekündigt. Um 12 Uhr war die Mail im Postfach, in der auf sechs Seiten die Fakten eines fiktiven Sachverhaltes dargelegt wurden. Stark an tatsächlichen Geschehnissen orientiert - etwa der Bürgerkriegssituation in Sierra Leone - standen am Ende drei Kernthemen, die wir bearbeiten sollten.
 
Besonders positiv fiel uns dabei auf, wie aktuell und von welch tatsächlicher tagespolitischer Relevanz die Streitpunkte waren - ein wohltuender Gegensatz zu gewöhnlichen Hausarbeiten.
 
Am Anfang stand die Frage, ob das Rom-Statut sogenannte „forced marriages“ als Verbrechen gegen die Menschlichkeit erfassen könnte – ein vor allem in Sierra Leone aufgetretenes Phänomen, bei dem junge Mädchen ihren Familien entrissen und mit Rebellensoldaten zwangsverheiratet wurden.
 
Die zweite Frage zielte auf die Reichweite der Gerichtsbarkeit des ICC – Inwieweit darf der Gerichtshof auf Vorgänge in Staaten zugreifen, die das Rom-Statut gar nicht ratifiziert haben? Dies ist auch heutzutage noch ein besonders relevanter Punkt, da noch immer viele große Staaten wie Russland, China oder die USA dem Statut ihre Anerkennung verweigern; die USA gingen unter Präsident Bush sogar so weit, den Einsatz militärischer Mittel zu erlauben, sollte je ein US-Bürger vom ICC inhaftiert werden.
 
Die dritte Frage schließlich beschäftigte sich mit der Rolle von so genannten „Wahrheitskommissionen“. Diese werden in vielen krisengeschüttelten Regionen als Friedensstifter eingesetzt und sollen Amnestien im Gegenzug für Waffenstillstand und Geständnis gewähren. Hier fragt sich: Darf der ICC auch dann noch einen Fall verhandeln, wenn eine solche Kommission ihn bereits entschieden, und eine Amnestie unter nur symbolischer Bestrafung gewährt hat?
 
Wir tauschten sodann erste Gedanken aus, nannten zaghafte Lösungsansätze und verständigten uns, in welche Richtungen wir recherchieren würden.
 
Drei Schriftsätzen galt es zu erstellen. Neben Anklage und Verteidigung mussten wir auch einen eigenen Schriftsatz für den Opfervertreter, den Victims’ Counsel, einreichen. Diese Rolle wurde im Rom-Statut völlig neu geschaffen, um in derart sensiblen Konfliktsituationen, wie sie vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag verhandelt werden, dafür Sorge zu tragen, dass die tatsächlichen Belange der Opfer vor Gericht gewahrt und berücksichtigt werden.
 
Es begann die Zeit der Quellenforschung. Viele Vor- und Nachmittage verbrachten wir zur Recherce im Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht, das am Rande der Wiehre in den Baumwipfeln thront.
 
Jeden Freitag dann trafen wir uns am Lehrstuhl und besprachen unseren Fortschritt. Alles wurde diskutiert und auf den Prüfstand gestellt. Welche Richtung und welcher Gedanke Erfolg versprach; aber auch von welchen Argumenten wir eher Abstand nehmen wollten. Nach jedem dieser Freitagstreffen waren unsere Köpfe wieder voller Ideen, denen wir bis zur nächsten Woche nachgehen würden.
 
Björn Boerger, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Perron und Coach unseres Teams, wurde in dieser Zeit zu einem ständigen Ansprechpartner. Jederzeit konnten wir am Lehrstuhl vorbeikommen und einzelne Themen immer wieder mit ihm diskutieren, bis wir am Ende zu einer für uns überzeugenden Lösung kamen.
 
So wuchsen unsere Schriftsätze, die nach jedem Korrekturlesen auch ausgefeilter, tiefgehender und stimmiger wurden.
 
Nach Weihnachten begann die heiße Phase. Der Fall ließ uns nun keinen Tag mehr Ruhe. Zwei Wochen vor Abgabe der Schriftsätze hatten wir dann die einmalige Gelegenheit, uns einen ganzen Tag lang am Lehrstuhl mit Rechtsanwalt Davor Prtenjaca zu besprechen, der selbst bereits mehrere Angeklagte in Den Haag verteidigt hat. Gerade sein Input aus der Praxis war für uns enorm hilfreich.
 
Eine Woche vor Abgabe der Schriftsätze verlegten wir vollends unseren Lebensmittelpunkt an den Lehrstuhl Perron. Morgens kamen wir um neun, abends nahmen wir die letzte Bahn nach Hause. Immer und immer wieder diskutierten wir die Schriftsätze, korrigierten, formatierten... und diskutierten erneut. Genau zehn Minuten vor Abgabeschluss konnten wir dann gemeinsam auf „Send“ klicken und unsere Schriftsätze waren endlich eingereicht. Mit einem Mal fiel die ganze Spannung von uns ab... das Bier danach hatten wir uns redlich verdient!
 
 
 
Die Vorbereitung der Pleadings
 
Für Anfang März war dann das erste Probepleading vereinbart. Ein Pleading im "International Criminal Court Trial Competition" folgt einer strikten Zeitaufteilung. Jeder der drei Sprecher – in der Reihenfolge Anklage, Victims’ Counsel und Verteidigung – plädiert zunächst für je zwanzig Minuten. Danach folgt ein je zehnminütiges Rebuttal, indem jeder (nochmals) auf die Argumente seiner Gegner einzugehen hat. Unbedingt sind dabei die Zeitvorgaben einzuhalten – andernfalls kann es passieren, dass einem die Zeit mitten im Satz abläuft, und ein strenger Richter es nicht einmal erlaubt, den Satz zu Ende zu sprechen.
 
Drei mal in der Woche trafen wir uns nun am Lehrstuhl für Probepleadings. Björn wurde nie müde, uns mit immer wieder neuen Fragen zu löchern. Er kannte unsere Schwachpunkte, und ließ nicht locker, bis wir zum Schluss auf fast jede Abwegigkeit vorbereit waren.
 
Auch Prof. Dr. Walter Perron und die Lehrstuhlmitarbeiter Derya Cilingir, Merve Yolacan und Nico Schmid sowie zwei Teilnehmer des letzten Freiburger Moot Court Teams – Birte Schöler und Till Bettels –  erklärten sich dankenswerterweise bereit, unseren regelmäßigen Pleadings zuzuhören. Ein besonderes Highlight war auch die Fahrt nach Frankfurt, wo wir die Gelegenheit zu einem Probepleading bei Allen & Overy bekamen. Jedes Mal gab es von neuem konstruktives Feedback, Kritik (mitunter auch Lob) und weitere Verbesserungsvorschläge. So wuchs unsere Souveränität, und die Pleadings wurden von Mal zu Mal besser.
 
Daneben gelang es auch glücklicherweise uns allen, trotz der Vorbereitung der Pleadings die in den Semesterferien anstehende(n) Hausarbeit(en) rechtzeitig fertig zu stellen.
 
 
 
Den Haag
 
Am Sonntag, dem 21. April war es dann soweit. Die Fahrt zur Endausscheidung nach Den Haag konnte uns niemand nehmen, waren wir doch das einzige teilnehmende Teams aus Deutschland – ganz im Gegensatz zu z.B. den USA, wo in einer Vorausscheidung aus fünfzehn Teams die zwei amerikanischen Teilnehmer ausgewählt werden mussten.
 
36 Teams aus allen Kontinenten der Welt trafen nun in der Vorrunde direkt aufeinander. Als wir die Besetzung der Richter anschauten, erkannten wir so manchen Namen aus unserem Literaturverzeichnis wieder. Doch waren nicht nur Akademiker, sondern auch eine Vielzahl von Praktikern aus den Internationalen Gerichten vertreten – etwa ein Richter des ICJ oder der Verteidiger von Thomas Lubanga, dem ersten Angeklagten vor dem ICC.
 
In der Vorrunde hatte jedes Team drei Auftritte zu bewältigen. Natürlich wurden wir umso nervöser, je näher unser jeweiliger Auftritt rückte. Und doch konnten wir uns immer darauf zurückbesinnen, dass wir gut vorbereitet und für jegliche Eventualitäten gerüstet waren. Mit unseren Auftritten konnten wir dann schließlich auch vollauf zufrieden sein.
 
Voller Spannung erwarteten wir die Bekanntgabe der Halbfinalisten, die am Mittwochnachmittag stattfand. Natürlich waren wir betrübt, als die Nachricht kam, dass es doch nicht zum Halbfinaleinzug gereicht hatte. Bald überwog jedoch die Erkenntnis, dass wir uns gut präsentiert hatten und die Halbfinalisten und tatsächlichen Finalisten – fast ausnahmslos Muttersprachler und viele von ihnen Graduate-Studenten im Völkerstrafrecht - vielleicht doch ein bisschen besser gewesen sind. Und doch hatte nicht wirklich viel gefehlt. Halbfinale und Finale bestärkten unseren Eindruck: dahin könnten wir Deutschen es auch schaffen. Wenn wir doch nur mit unseren Erfahrungen aus diesem Jahr nochmals antreten könnten und dann diejenigen Dinge vermeiden würden, die sich als typische "Anfängerfehler" eines (wieder) neu teilnehmenden Teams herausgestellt haben... wir wären wohl im nächsten Jahr selbst im Halbfinale vertreten.
 
Mit dieser Erkenntnis machten wir uns also daran, den Rest unserer Zeit in Den Haag vollends auszunutzen. Wir lernten die anderen Teilnehmerteams kennen und verbrachten an den Abenden viele gemeinsame Stunden in Pubs, Bars und Clubs. Und auch wenn es schwer fiel am nächsten Morgen wieder aus dem Bett zu kommen, ließen wir uns davon nicht aufhalten und nahmen an allen für die Teams vorgesehenen Besichtigungsterminen teil. So konnten wir zum Beispiel den laufenden Verhandlungen gegen Radovan Karadžić und Ratko Mladić am Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien beiwohnen, und besichtigten den Friedenspalast – den Sitz des Internationalen Gerichtshofes.
 
Und natürlich werden wir die Party am Donnerstagabend im fantastischen Crazy Pianos – einer absolut verrückten Location am Strand von Scheveningen – so schnell auch nicht wieder vergessen.
 
 
Ausblick
 
Nächstes Jahr wird wieder ein Team aus Freiburg am International Criminal Court Trial Competition teilnehmen. Die Lehren und Erfahrungen, die wir dieses Jahr gemacht haben, möchten auch wir mit dem "neuen" Team umsetzen. Als Mitglieder des diesjährigen Teams wollen wir unser gesammeltes Wissen gerne an das neue Team weitergeben und dieses unterstützen, wie wir können. Wir schauen also mit Vorfreude und Zuversicht auf die Zukunft. Auf ein Neues in Den Haag!